MIETWAGEN   PRESSE   IMPRESSUM   DONNERSTAG, 17. MAI 2012
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MENSCHEN DER INSEL
Ludwig Salvator und Catalina Homar
Über Charakter und Wesensart des Menschen Ludwig Salvator mögen ebenfalls einige Worte genügen. Seine Güte und sein überraschender Mangel an Namens- oder Standesstolz waren auf Mallorca sprichwörtlich und sind es heute noch. "Monseigneur est trop bon", sagten oft verwundert seine ausländischen Untertanen - "Es nostro senyor es massa bo", beteuerten die Männer und Frauen Mallorcas, denen es vergönnt war, innerhalb der Grenzen des kleinen Fürstentums zu leben.
Mit den Anekdoten, die auf der Goldenen Insel über ihn, den Austriaco, erzählt wurden und werden, könnte man ganze Bände füllen. Seine Umgangsformen waren die denkbar einfachsten. Die Leute vom Lande nahmen ihn, da er nicht nur ihre Sprache, sondern auch ihre Sitten wie kaum ein zweiter kannte, für ihresgleichen und scheuten sich nicht, den Sprössling eines der ältesten Herrscherhäuser Europas, der zudem auch Großoheim ihres Königs war, mit dem landläufigen Du anzureden und seine biedere Freundschaft mit gleichem zu vergelten.

Die Schlichtheit seines Wesens spiegelte sich in seinem Äußeren, dem er gewöhnlich so wenig Sorgfalt zuwandte, dass auf Mallorca das Wort Archiduque bis auf den heutigen Tag als scherzhafte Bezeichnung für schlecht angezogene Leute erhalten blieb, und bei dem großen spanischen Dichter Unamuno heißt Ludwig Salvator ein "Diogenes aus fürstlichem Geschlecht". Es dürfte kaum einen Besucher des Schlosses Miramar geben, der das Histörchen von den zehn Centimos Ludwig Salvators nicht zu hören bekommen hätte. Auf einem einsamen Spaziergang soll der Erzherzog einmal einem Fuhrmann begegnet sein, der ihn nicht kannte. Dem guten Mann war, heißt es weiter, ein Stück seiner Fracht aus dem Wagen gefallen, als eben der Erzherzog in seiner mehr als einfachen Bauerntracht vorüberkam. Da der Kutscher ihn für einen Landstreicher hielt, bat er den Unbekannten, er möge helfen, die Last auf den Wagen zurückzuschaffen, was der Herr von Miramar mit der größten Bereitwilligkeit tat. Als die Arbeit beendet war, drückte ihm der Fuhrmann zehn Centimos für einen guten Trunk in die Hand. Der Erzherzog nahm die Münze und soll sie eine Zeitlang unter Glas und Rahmen mit fröhlichem Schmunzeln seinen intimen Bekannten gezeigt haben: "Das einzige Geld, das ich mit meiner Hände Arbeit verdient habe." Mag diese Geschichte auch erfunden sein, das eine steht fest, dass er immer und überall darauf bedacht war, seine Bescheidenheit zu betonen. Einer seiner Untertanen reiste einmal nach Barcelona und stieg dort in einem kleinen Gasthof ab; als er eines Abends heimkehrte, teilte ihm der Wirt mit, dass ein "Matrose" ihn gesucht und da er ihn nicht angetroffen, einen Zettel für ihn hinterlassen habe. Auf dem Zettel stand: "Neudorf hat Sie gesucht." Neudorf war der Deckname, dessen sich Ludwig Salvator bediente. Ein andermal lag die Nixe im Hafen von Ragusa vor Anker. Die Behörden erfuhren, dass ein Mitglied des Herrscherhauses sich an Bord befinde, und der oberste Verwaltungsbeamte ging, den Erzherzog zu begrüßen. Beim Besteigen der Jacht traf er den ihm unbekannten Ludwig Salvator und fragte ihn: "Wo ist der Kapitän?" "Das bin ich selbst", antwortete der Gefragte. "Es soll sich eine hohe Persönlichkeit auf der Jacht befinden", fuhr der Beamte fort. "Das kann nur ein Irrtum sein," meinte der Fürst, "denn auf dieser Jacht sind alle Leute gleich." Schließlich mögen hier die Worte stehen, mit denen der katalanische Maler und Dichter Santiago Rusiñol, ein glühender Verehrer Mallorcas´ zu Beginn des Jahrhunderts eine Charakteristik Ludwig Salvators gibt:

"Das ist der Erzherzog: ein Mensch von Geschmack und ein Mensch von Herz. Auf seinen Besitzungen gibt es kein Tier, das eines anderen als des natürlichen Todes stürbe. Ein Pferd wurde in seinem Stall zwanzig Jahre alt; die Hunde schlafen in den Hallen, bis sie vor Alter umsinken. Sieht er einen kranken Baum, so lässt er ihn wie einen Menschen behandeln, und den Leuten geht es bei ihm wie den Fischen im Wasser, und Mallorca ist das einzige Land, in dem man einen Fürsten sehen kann, der vierzig Jahre damit verbracht hat, die Menschen und die Natur zu studieren. Heute ist der Erzherzog nahe an sechzig. Ein Fürst, der ein weltabgeschiedenes, beschauliches Leben führt. Er hat nichts für Kleider und nichts für Titel übrig; er ist ein Mensch, dem es genügt, Mensch zu sein. Gefällt ihm einer, so tritt er auf ihn zu und reicht ihm die dicke Hand. Er hat blaue Augen und nordisch rotblondes Haar; aber die Sonne der Berge und des Meeres hat seinem Gesicht eine Patina, die dunkle Farbe der Felsen gegeben. Sein Haus ist allen Wanderern offen. Er schreibt, sieht aufs Meer hinab und träumt, denn nur ein großer Träumer konnte seine Heimat verlassen, dem Prunk und dem Reichtum eines Kaiserhofes entsagen, um sich eine neue Heimat jenseits des Meeres zu suchen, unter ihrem Volk als Gleicher unter Gleichen zu leben und dessen Sprache zu sprechen und dies alles nicht vorübergehend, nicht als Tourist, sondern volle vier Jahrzehnte hindurch." Die bemerkenswerteste Eigenschaft des Erzherzogs war seine Naturschwärmerei, seine zuweilen schon fast schrullenhafte Liebe zu Tieren und Bäumen. Mallorca mit seinen prächtigen Mandelbäumen, Pinien und den tausendjährigen Oliven, deren phantastische und phantomhafte Verrenkungen schon die George Sand zu mystischen Hymnen hingerissen hatten, war dieser Neigung nicht wenig günstig, und auch die Entstehung des Fürstentums Miramar hängt, wie wir sehen werden, mit dieser Liebe Ludwig Salvators zur Natur und ihren Kreaturen zusammen. Die Einzelheiten des Ankaufs der herrlichen Besitzung Miramar, die den Kern des späteren "Fürstentums" bildete und ihm auch den Namen gab, sind uns aus einem in der Sprache der Insel geschriebenen Bericht des Erzherzogs selbst bekannt. Er erzählt, dass er auf einem Ausflug mit Don Francisco Manuel aus dem noch heute bestehenden Gasthaus Can Mario in Valldemossa nach dem eine Stunde entlegenen Miramar kam, nach dem Ort, wo ein halbes Jahrtausend früher der berühmteste Sohn der Insel, der Philosoph und Polyhistor Ramon Llull die erste Missionarschule Europas zur Heranbildung christlicher Bekehrer für den islamitischen Osten errichtet hatte. Der Ort war gänzlich verwahrlost und wies spärliche Ruinen der einstigen Llullschen Kapelle mit einem alten Altarbild der Dreifaltigkeit auf. Die wilde Romantik und die historischen Reminiszenzen der Gegend machten auf den Erzherzog tiefen Eindruck. Trotzdem schreibt er, dass er nicht weiter über die Sache nachgedacht hätte, wäre die Fortsetzung des Ausfluges nicht durch einen mehrtägigen Regen unmöglich gemacht worden. In diesen wenigen Tagen kaufte der Erzherzog das Gut von dessen in der nahen Ortschaft lebenden Besitzer. Er ließ darauf das prächtige Schloss Miramar erbauen, das er mit einheimischen Möbeln ausstattete und durch die Erwerbung wertvoller mallorquinischer Kunstgegenstände in eine Art folkloristisches Museum umwandelte. Auch die alte Trinitätskirche ließ er aus ihren Ruinen aufbauen; das antike Altarbild ist durch die Zugabe der Bildnisse Ramon Llulls und der Heiligen von Valldemossa Catalina Thomas, zu einem Triptychon ausgestaltet worden; als zweite Sehenswürdigkeit der kleinen Kirche kam später ein Standbild der Jungfrau aus karrarischem Marmor hinzu. Es ist ein Geschenk der Kaiserin Elisabeth, die wiederholt beim Erzherzog auf Mallorca zu Gast war und sich nach ihrem ersten Besuch mit den Worten von ihm verabschiedet haben soll: "Nachdem ich hier war, wird es mir auf Korfu weniger gefallen." Über die Entstehung des kleinen Fürstentums aus dem Gut Miramar, wo Ludwig Salvator sich ursprünglich nur vorübergehend hatte niederlassen wollen, erzählt der schon erwähnte Vuillier:

"Der Erzherzog befahl im Frühjahr seinen Leuten, die Olivenbäume, die Pinien und die alten Eichen, die gekrümmten, rissigen, aber in ihrer Form und ihrem Krustengewand achtunggebietenden Giganten der Pflanzenwelt zu schonen. Eines Tages jedoch waren die Vögel, deren fröhliches Gezwitscher während der ganzen Zeit nicht verstummt war, still. Statt dessen hallte die Gegend von rohen Axthieben wider, die aus der Tiefe des Gehölzes drangen. Auf einem Gut in der Nähe Miramars ließ ein mallorquinischer Landmann einen hundertjährigen Baum fällen. Es war sein gutes Recht. Um aber dem Vandalismus Einhalt zu gebieten, brachte der Erzherzog die ganze Besitzung käuflich an sich. Wenige Tage nachher wiederholte sich genau der gleiche Fall auf der entgegengesetzten Seite von Miramar: der Erzherzog trat abermals als Käufer auf, in der Umgebung wurde darüber gemunkelt und sehr bald kam die Zeit, da der Schlossherr von Miramar sein Fenster am Morgen nicht mehr öffnen konnte, ohne die wütenden Axtschläge zu hören, die ringsum die Baumriesen verwüsteten. Auf diese Weise gab er nach und nach, ohne sich dessen zu versehen, etliche Millionen für den Ankauf des herrlichen Küstenstriches und für die Rettung der großartigen Bäume aus, die nun auf ihren späten Alterstod warten konnten." So erwarb der fürstliche Naturschwärmer ein Gut nach dem anderen, bis das ganze Küstengebiet zwischen Valldemossa und Deiá vom Ufer bis zu den höchsten Bergesgipfeln in sein Eigentum überging. Nachdem das Fürstentum Miramar diese Ausdehnung erreicht hatte, kaufte er im Jahre 1909 noch weitere fünfzehn Güter dazu. Die fünfunddreißig bis vierzig Bauten, die sich im Gebiete des Fürstentums - oft mehrere Kilometer voneinander entfernt - befanden, waren prächtige Paläste, mit wertvollem Mobiliar und kostbaren Kunstgegenständen ausgestattet. Der Erzherzog selbst allerdings ließ verkünden: "Miramar ist kein Schloss und soll nach dem Willen seines fürstlichen Besitzers kein solches sein, sondern bloß ein mallorquinisches Landhaus ... Das Innere des Gebäudes gibt ein Bild landesüblicher Landhäuser."

Mario Verdaguer: "Ludwig Salvator und Catalina Homar" aus "Die Goldene Insel", Deutsch von Andreas Gaspar, Wien, Paul Zsolnay Verlag 1933.
Text: »Mallorca – Handbuch für den optimalen Urlaub«
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